KI im Verwaltungsrat: Entscheidungen neu denken

Künstliche Intelligenz verändert die Entscheidungslogik in Unternehmen und damit die Verantwortlichkeiten im Verwaltungsrat. Welche Fragen VR sich jetzt stellen sollten.

KI im Verwaltungsrat: Entscheidungen neu denken   

Künstliche Intelligenz verändert die Entscheidungslogik in Unternehmen und damit die Verantwortlichkeiten im Verwaltungsrat. Welche Fragen VR sich jetzt stellen sollten. 


Künstliche Intelligenz ist bereits Teil der operativen Realität vieler Unternehmen. Was sich jedoch erst schrittweise zeigt: KI verändert nicht nur Prozesse, sondern auch den Rahmen, in dem Verwaltungsräte ihre Aufsicht, Steuerung und strategische Orientierung wahrnehmen. Damit entsteht eine neue Aufgabe: Technologie nicht zu „beherrschen“, sondern ihre Auswirkungen auf Governance, Risiko und Entscheidungsstrukturen verständlich einzuordnen.

Dieser Beitrag fasst Erfahrungen aus aktuellen Schweizer Projekten zusammen, mit konkreten Learnings für Verwaltungsräte.


1. Wie KI die Arbeit im Verwaltungsrat strukturell verändert

1.1 Entscheidungen werden datengetriebener aber nicht automatisch nachvollziehbarer

In mehreren Unternehmen zeigt sich ein wiederkehrendes Muster:

Die Geschäftsleitung konnte mit KI-gestützten Analysen schneller entscheiden, doch der Verwaltungsrat erhielt die Resultate häufig in Form stark aggregierter, kaum hinterfragbarer Berichte.

Ein Beispiel:

Ein Industriebetrieb erhöhte kurzfristig seine Marge durch ein automatisiertes Pricing-Modell. Erst in einer späteren VR-Diskussion wurde erkennbar, dass das Modell systematisch Angebote für bestimmte Kundensegmente verteuerte und dadurch Reputationsrisiken erzeugte.

Implikation für VR:

Geschwindigkeit ist kein Selbstzweck. Die Nachvollziehbarkeit der Entscheidungsgrundlage bleibt unverzichtbar, auch dann, wenn Teile des Prozesses algorithmisch ablaufen.

1.2 Neue Verantwortlichkeiten entstehen und damit neue Governance-Anforderungen

KI schafft Rollen, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab:

  • Data Owner
  • Model Steward
  • AI Risk Officer

In Unternehmen, in denen diese Funktionen fehlen oder unklar definiert sind, verschieben sich Verantwortlichkeiten informell in die IT oder zu externen Anbietern. Das kann zu Regulierungslücken, unklaren Kontrollpunkten und fehlendem Incident-Reporting führen.

Implikation für VR:

Die Aufsichtspflicht erfordert heute ein Mindestverständnis darüber,

  • wer Modelle entwickelt,
  • wer sie validiert,
  • wer sie überwacht
  • und wer im Fehlerfall haftet bzw. berichtet.
1.3 Datenqualität wird zur Grundlage der strategischen Steuerung

Viele VR-Sitzungen basieren auf Berichten, die zunehmend mit KI erstellt, gefiltert oder priorisiert werden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Welche Kennzahlen betrachten wir?

Sondern: Wie entstehen sie?

Es gab Fälle, in denen operative Teams von „Datenproblemen“ sprachen, tatsächlich war es aber das Modell, das fehlerhaft aggregierte. Solche Fehlinterpretationen wirken direkt in Strategie- und Risikodiskussionen hinein.

Implikation für VR:

Datenqualität und Datenherkunft sind heute keine IT-Details mehr, sondern ein strategischer Kontrollpunkt.


2. Drei Leitfragen, die in jedem Verwaltungsrat diskutiert werden sollten

Die folgenden Fragen haben sich als besonders hilfreich erwiesen. Sie reduzieren Komplexität, ohne die Diskussion oberflächlich werden zu lassen.

2.1 Strategische Leitfrage:

Welche Wertschöpfungslogik in unserem Unternehmen wird durch KI zuerst verändert und was bedeutet das für unser Geschäftsmodell?

Vertiefende Fragen:

  • Auf welche Prozesse wirkt KI bereits heute (z. B. Vertrieb, Beschaffung, Risiko)?
  • Welche Fähigkeiten werden zum Differenzierungsfaktor?
  • Welche Abhängigkeiten – technisch wie organisatorisch – entstehen durch KI-Anbieter?
2.2 Governance-Leitfrage:

Welche Entscheidungen sollen KI-gestützt, KI-unterstützt oder KI-automatisiert erfolgen und welche ausdrücklich nicht?

Diese Unterscheidung ist zentral, aber in vielen Unternehmen nicht getroffen.

Wichtig für VR sind dabei:

  • Kriterien für automatisierbare Entscheidungen
  • Kontrollmechanismen für risikorelevante Modelle
  • Feste Eskalationswege bei Fehlfunktionen oder Bias-Indikatoren
2.3 Kompetenz-Leitfrage:

Welche Fähigkeiten benötigen wir im Verwaltungsrat und im Unternehmen, um KI verantwortungsvoll zu nutzen und wo entstehen Wissensmonopole?

  • Hat das Gremium genügend Daten- und Modellkompetenz, um Fragen zu stellen, statt nur Ergebnisse zu akzeptieren?
  • Wie stellt die Geschäftsleitung sicher, dass KI-Systeme verstanden, nicht nur bedient werden?
  • Welche Weiterbildung ist notwendig, um Governance und Aufsichtspflichten wahrnehmen zu können?

3. Konkrete Checkliste für VR: Sofort einsetzbar

Diese sieben Punkte können direkt in die nächste VR-Sitzung übernommen werden:

  1. Mandat definieren: Welche Rolle soll KI strategisch in unserem Unternehmen spielen?
  2. Use-Cases priorisieren: Fokus auf 2–3 Felder mit hohem strategischem Hebel.
  3. Datenlage prüfen: Qualität, Herkunft, Ownership, regulatorische Risiken.
  4. Rollen & Verantwortlichkeiten klären: Wer ist für Modellvalidierung, Monitoring und Incident-Handling verantwortlich?
  5. Risiken systematisch bewerten:  Bias, Fehlfunktionen, Cyberrisiken, Auswirkungen auf Kundengruppen.

Weiterbildung sicherstellen: GL und Schlüsselrollen benötigen ein Mindestverständnis von Modellen und Limitationen.

Pilotprojekte begleiten: Frühindikatoren definieren, um Projekterfolg und Risiken messbar zu machen.

Fazit: KI verlangt eine Weiterentwicklung guter Governance, keine technologische Euphorie

Verwaltungsräte müssen KI nicht selbst programmieren können.

Aber sie müssen verstehen, wie KI Entscheidungen beeinflusst und welche Verantwortung daraus entsteht.

Wer früh Klarheit über Rollen, Daten, Risiken und Entscheidungslogiken schafft, stärkt nicht nur die Resilienz des Unternehmens, sondern auch die eigene Aufsichtsfunktion. KI ist damit weniger ein Technologieprojekt als eine Weiterentwicklung dessen, was gute Corporate Governance ausmacht.


Autoren

Dominic Largo, CEO bei ValueOn AG. Von der digitalen Transformation bis zur KI-Integration – wir begleiten Sie bei jedem Schritt zu nachhaltigem Erfolg, messbaren Ergebnissen und langfristiger Wertschöpfung.

Yannick Althaus, Mitgründer des AI-Basecamp bei ValueOn AG. Er begleitet Unternehmen bei der Einführung KI-gestützter Prozesse und als Experte beim Aufbau interner Kompetenzstrukturen.

Weiterführende Links:

poweron.swiss

valueon.ch

Hinweis zur Transparenz:

Zur Strukturierung und Impulsgenerierung wurde KI eingesetzt; die Ausarbeitung erfolgte manuell.


Disclaimer: Die Network Briefs sind Fachbeiträge, die von unseren Mitgliedern für unsere Mitglieder geschrieben werden. Sie bieten Denkanstösse, Erfahrungen und Best Practices direkt aus der Praxis von Verwaltungsräten. 

Wichtiger Hinweis: Im Gegensatz zu anderen Blog-Kategorien handelt es sich bei den Network Briefs um Inhalte von Mitgliedern für Mitglieder. Der SwissBoardForum (SBF) übernimmt keine Verantwortung für die inhaltliche Richtigkeit oder Vollständigkeit. Die Meinungen spiegeln ausschliesslich die Autor:innen wider. 

Dominic Largo und Yannick Althaus 2. Februar 2026
Diesen Beitrag teilen
Stichwörter
Archiv
Unlocking the Value of Board Evaluations in Switzerland: From “Black Box” to Data-Driven Effectiveness
Board evaluations are increasingly recognised as a strategic necessity within Swiss corporate governance